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Wilster – Ein Portrait

 

 

Seit dem Mittelalter stellt die an der schleswig-holsteinischen Westküste im Kreis Steinburg gelegene Stadt Wilster den ökonomischen Mittelpunkt und den Hauptumschlagplatz land-wirtschaftlicher Erzeugnisse aus der Wilstermarsch dar. Da die tiefgelegene und überaus unwegsame Marsch bis weit ins 19. Jahrhundert über nahezu keine festen Landverbindungen verfügte, wuchs die Schiffahrt über die Wasserwege Wilsterau, Stör und Elbe zu einem bedeutenden Faktor für den Handel heran. Eine Vormachtstellung im Unterelberaum konnte Wilster allerdings nie erlangen, da vor allem Itzehoe, das seit 1260 über das Stapelrecht auf der Stör verfügte und es bis 1846 behielt, eine starke Konkurrenz darstellte.[1] Erst 1854 erfolgte der Anschluß Wilsters an das Straßen- und 1878 an das Schienennetz Südholsteins. Der Handel wurde bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zur Hauptsache mit den Agrarprodukten der umliegenden Marsch getrieben, vor allem mit Ochsen und Kühen, mit Butter und Käse, zu einem geringeren Teil auch mit Getreide.

Im Sog des Handels entwickelte sich ein vielgestaltiges Handwerk, das seine Produkte jedoch zunächst meist nur für den heimischen Markt herstellte. Innerhalb des Handwerksspektrums nahm die Lederverarbeitung schon früh eine wichtige Rolle ein. Günstige ökonomische und infrastrukturelle Rahmenbedingungen führten dazu, daß sich ab etwa 1870 aus zunächst kleinen Gerbereibetrieben innerhalb von 20 Jahren zwei zu den größten in Deutschland zählenden Lederfabriken entwickelten. Es waren dies die „Lederwerke Gebrüder Böhmeund die „Falk & Schütt, Lederwerke GmbH“, die zusammen um die Jahrhundertwende ca. 650 Arbeiter beschäftigten.[2] Das schnelle Wachstum der Lederindustrie brachte große wirtschaftliche, siedlungsgeographische und soziale Probleme mit sich. In der nordwestlich gelegenen, an die Stadt Wilster grenzende Gemeinde Landrecht, in der die beiden Fabriken lagen, entstand ein Arbeiterviertel, das sich bis zur Jahrhundertwende immer weiter auch auf die Gemeinden Nortorf und Dammfleth ausdehnte. 1894 entschied der Magistrat mit knapper Mehrheit und unter dem erbitterten Protest von 411 Wilsteraner Bürgern, die Industrie- und Arbeiterwohngebiete mit insgesamt 2090 Einwohnern einzugemeinden.[3] Die Einwohnerzahl der Stadt Wilster wuchs in dieser Zeit von 2370 im Jahr 1875 auf 5171 im Jahr 1895.[4]

Etwa zur selben Zeit entdeckten einige Arbeiter die Vorzüge des genossenschaftlichen Häuser- und Wohnungsbaus und errichteten in den Ortsteilen Rumfleth und Diekdorf der Gemeinde Nortorf ab 1895 in mehreren Bauabschnitten eigene Wohnquartiere, die größten-teils in der eigens dafür neu gegründeten „Vereinsstraße“ lagen. Wiederholte Versuche der bäuerlich dominierten Nortorfer Gemeindevertretung, auch diese Gebiete an Wilster abzu-treten, scheiterten am Widerstand des Wilsterschen Magistrats.[5]

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts setzte der Niedergang der Lederindustrie ein. Ein veraltetes Produktionsverfahren, erhöhte Konkurrenz und daraus resultierende Absatzschwierigkeiten führten zu einer immensen Verschuldung der Böhme’schen Lederfabrik. 1903 brannte sie sogar aus ungeklärten Ursachen nieder. Die Brandruine kaufte 1907 die dänische Firma „Vachelederwerke Ballin GmbH“ aus Kopenhagen. Sie baute die Anlage wieder auf, beschäf-tigte aber fortan nur noch etwa 40-50 Arbeiter. In der Weimarer Zeit kam der Betrieb häufig kurzfristig, ab 1930 dann völlig zum Erliegen. „Falk & Schütt“ hatte den Jahrhundertwechsel zunächst gut überstanden, konnte seinen Beschäftigungsstand sogar auf 500 Arbeiter ausbauen und damit die durch den Brand bei Böhme entstandenen Arbeitsplatzverluste ausgleichen, ehe sich Ende 1907 hier ebenfalls ein Großbrand ereignete. Der Neuaufbau hatte ebenfalls ein wesentlich kleineres Ausmaß, aber modernste Technik, und kam bei gleichem Produktionsvo-lumen bis zum 1. Weltkrieg mit 140 Arbeitern aus.[6] Das geringere Aufnahmepotential der beiden Fabriken an Arbeitern und die oben erwähnten Umquartierungsprozesse durch den Genossenschaftsbau bewirkten, daß Wilster 1910 nur noch eine Bevölkerungszahl von 4424 aufzuweisen hatte. Nach dem Krieg, in Folge einer rückläufigen Ledernachfrage, mußte auch „Falk & Schütt“ seine Produktion drosseln, teilweise sogar ganz stoppen. 1921 arbeiteten dort noch 55, 1925 etwa 40 Personen.[7] In der Weltwirtschaftskrise ereilte 1930 den Betrieb das-selbe Schicksal wie die „Vachelederwerke Ballin“, er mußte für längere Zeit geschlossen wer-den. Die einst so mächtige Lederindustrie Wilsters spielte in der Zeit der Weimarer Republik damit nur eine vergleichsweise kleine Rolle. Einen beträchtlichen Teil der durch den Nieder-gang der Lederindustrie freigesetzten Arbeiter konnte die 1919 gegründete Firma „Günther & Co, Schleswig-Holsteinische Mahl- und Trocknungswerke“ aufnehmen. Es handelte sich hierbei um einen Saisonbetrieb, der Dörrobst und  –gemüse herstellte. Zu einer Stammbeleg-schaft, der ca. 80 Personen angehörten, wurden bei größeren Anlieferungen in den Sommer- und Herbstmonaten bis zu 150 weitere, meist ungelernte Arbeiter befristet eingestellt.

Neben diesen Fabriken gab es eine Anzahl mittelgroßer nichtindustrieller Betriebe. Zunächst ist hier die Bahnmeisterei zu nennen, die ca. 40-50 Arbeiter beschäftigte.[8] Genauso viele Personen fanden in den Mühlenwerken der „Firma Gustav Lumpe Arbeit.[9] Außerhalb der Stadt in Rumfleth lag die Ziegelei von Nikolaus Springer und Albert Dethlefs. Auch dieser Betrieb arbeitete wie die „Mahl- und Trocknungswerke“ saisonal und nahm zu Stoßzeiten 30 bis 40 Arbeiter auf. Zusammengenommen waren die größeren Betriebe also in guten Zeiten in der Lage, ca. 400 Arbeitern Beschäftigung zu geben. Diesen Arbeitsstätten kam damit eine entscheidende Schlüsselrolle für die Arbeitsmarktlage in Wilster zu.

Politische Orientierung und politisches Verhalten waren abhängig von sozialen und ökono-mischen Bedingungen, die im folgenden für das Untersuchungsgebiet ansatzweise heraus-gearbeitet werden sollen. Leider liegen für Wilster für die Zeit der Weimarer Republik keine statistischen Daten zur Sozialstruktur vor, da die Stadt die notwendige Bevölkerungsmarke von 5000 unterschritt. Erst in der Volks- und Berufszählung von 1939 wurden alle Gemeinden und Städte unabhängig von der Bevölkerungszahl einzeln aufgeführt. Da zwischen 1933 und 1939 aber keine grundlegenden Veränderungen in der Wilsterschen Wirtschaftsstruktur statt-gefunden haben, soll diese aushilfsweise dafür dienen, sich einen ungefähren Überblick von der gesellschaftlichen Struktur Wilsters zu verschaffen.

 

 Tabelle 1: Bevölkerung nach der Stellung im Beruf mit ihren Angehörigen in Prozent am 17.05.1939[10]

 

Selbständige

Mithelf. Familien-angehörige

Beamte

Angestellte

Arbeiter

Selbständige Berufslose

Wilster

21,7

4,7

5,7

9,2

36,4

22,2

Wilster-Land

30,3

21,9

1,2

1,7

35,9

9,0

Itzehoe

12,1

2,5

11,2

13,6

44,5

17,4

Krempe

20,8

4,3

5,0

8,7

44,4

16,8

Glückstadt

9,9

2,5

12,9

9,7

49,3

15,9

Kellinghusen

15,9

5,7

4,1

8,3

45,1

20,8

Kreis Steinburg

18,1

9,5

6,0

7,5

44,0

14,8

 

Auffallend gering war im Vergleich zu den anderen Städten des Kreises Steinburg der Bevölkerungsanteil der Arbeiter in Wilster, der 1939, wie Tabelle 1 ausweist, nur 36,4% der Gesamtbevölkerung ausmachte. Neben den bereits erwähnten Arbeitern der größeren Betriebe setzte sich diese Bevölkerungsgruppe vornehmlich aus den abhängig Beschäftigten der vielen kleinen und mittleren Handwerksbetriebe Wilsters zusammen. Hervorgehoben seien hier vor allem die schon früh gewerkschaftlich organisierten Maurer- und Zimmergesellen, die 1930 allein 58 Adressen aufzuweisen hatten.[11] In der Landwirtschaft hingegen waren nur sehr wenige Arbeiter tätig. 1933 gehörten 238 Personen zur Wirtschaftsabteilung Land- und Forst-wirtschaft, was einem Anteil von 5,7% der Bevölkerung entsprach (Tabelle 2). Da unter diese Zahl bereits die 34 städtischen Landwirte nebst Familien fielen, errechnet sich für die land-wirtschaftlichen Arbeiter mit Angehörigen eine Größe von etwa 90-130 Personen. Der weitaus überwiegende Teil der Arbeiter war deshalb in der Wirtschaftsabteilung „Industrie und Hand-werk“ beschäftigt. Der Bevölkerungsanteil der Arbeiter lag vermutlich zur Zeit der Weimarer Republik etwas höher als 1939.[12]

Auch wenn die Bedeutung Wilsters als Markt- und Umschlagplatz für die gesamte Wilster-marsch infolge der verbesserten Verkehrsinfrastruktur seit Mitte des 19. Jahrhunderts etwas nachgelassen hatte, spielten Handel und Verkehr immer noch eine große Rolle. Allein von diesem Wirtschaftszweig waren ca. 25% der Stadtbevölkerung Wilsters abhängig. Aber auch eine Reihe von Handwerksbetrieben war eng an Handel und Verkehr gekoppelt. Ausschlag-gebend dafür war die ungebrochene, fast ausschließlich auf landwirtschaftliche Erzeugnisse ausgerichtete Produktionsstruktur der umliegenden Marschgemeinden. Auf den zweimal wöchentlich abgehaltenen Wochenmärkten, besonderen Vieh- und Pferdemärkten sowie Tierschauen veräußerten die Bauern und Bäuerinnen in Wilster ihre Produkte. Der städtische, in seiner überwiegenden Mehrheit kleinbürgerliche Mittelstand wußte sich im Gegenzug auf die Bedürfnisse der Marktbeschicker einzustellen. Fuhrbetriebe und Schiffer [1931: 35 (1926: 25)][13], Vieh- und Pferdehändler [13 (13)], Sattler [8 (7)], Schmiede [11 (9)] und Stellmacher

 

Tabelle 2: Berufszugehörige der Wirtschaftabteilungen 1939 (1933) in Prozent[14]

 

Landwirt-schaft 1933

Landwirt-schaft

Industie/

Handwerk

Handel/

Verkehr

Öffentlicher Dienst

Häusliche Dienste

Wilster

5,7

4,6

35,6

24,6

9,5

3,5

Wilster-Land

63,4

59,6

21,4

7,1

2,2

0,7

Itzehoe

2,8

1,9

37,0

22,3

19,7

3,0

Krempe

6,0

6,6

41,4

22,6

9,6

3,0

Glückstadt

3,7

5,0

30,8

30,3

15,6

2,5

Kellinghusen

11,4

9,8

36,5

16,1

14,3

2,5

Kreis Steinburg

26,7

23,3

32,1

16,5

11,1

2,1

 

[3 (4)] waren überall in der Stadt vertreten und ihre ökonomische Situation korrelierte unmittelbar mit der Konjunktur landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Die enge Verbindung zur ländlichen Bevölkerung schlug sich außerdem in der hohen Bedeutung des Nahrungs- und Genußmittelgewerbes nieder. 1931 gab es in Wilster 14 (1926: 11) Bäcker, 24 (27) Gaststät-ten, 4 (3) Meieristen, 9 (3) Müller, 22 (14) Schlachter sowie etliche Kolonialwarenhändler, die die Produkte der Wilstermarsch weiterverarbeiteten bzw. zum Verkauf anboten. An den Markttagen kamen aus den Gemeinden der Wilstermarsch auch viele Besucher in die Stadt, um sich mangels entsprechender Möglichkeiten vor Ort hier mit Gütern und Leistungen des täglichen, mittelfristigen und langfristigen Bedarfs bei insgesamt 67 (56) Händlern, 58 (53) Kaufleuten und 265 (198) Handwerkern zu versorgen. Ein Vergleich der Jahre 1926 und 1931 zeigt, daß bei leicht sinkender Bevölkerungzahl (4196 gegenüber 4154) die mittelständischen Berufe und Betriebe wieder an Gewicht zulegen konnten. Insgesamt 218 gewerbliche Betriebe exisitierten 1933 in Wilster.[15] Mit rund 25% an der Gesamtbevölkerung Wilsters war der Anteil der Selbständigen, die überwiegend der Wirtschaftsabteilung „Handel- und Verkehr“ (Kaufleute, Händler, Fuhrunternehmer), zu einem geringeren Teil auch „Industrie und Hand-werk“ (Handwerker) angehörten, inklusive der mithelfenden Familienangehörigen der ver-gleichsweise höchste aller Steinburger Städte. Er unterstreicht eindrucksvoll den mittel-ständischen Charakter dieses Ortes. Die Angestellten, die vor allem in der Wirtschaftsab-teilung „Handel und Verkehr“ (kaufmännische Angestellte) beschäftgt waren, machten hier zusammen mit ihren Angehörigen ca. 9% der Bevölkerung aus.

Die Rolle Wilsters als ökonomischer Mittelpunkt der Wilstermarsch fand ebenfalls Ausdruck in einem stark vertretenen Bankwesen, das 1931 mit 8 (1926:7) Geschäftsstellen aufwartete. Außerdem nahm die Stadt behördliche und schulische Aufgaben für die Region wahr. Neben der Stadtverwaltung gab es das Amtsgericht und das Arbeitsamt. Darüber hinaus unterhielt die Stadt außer einer Bürgerschule seit 1913 eine weiterführende Mittelschule sowie eine Berufs-schule. Die Beamten, die vorwiegend in den zuletzt genannten Einrichtungen beschäftigt waren, bildeten zusammen mit ihren Familienangehörigen eine Bevölkerungsgruppe, die in Wilster ca. 5-6% der Einwohnerschaft umfaßte. Abschließend muß noch die große Gruppe der „selbständig Berufslosen“[16] erwähnt werden, die mit einem Anteil von über 22% alle anderen Steinburger Städte überflügelte und die damit nicht nur einen bedeutenden Faktor in der kleinen Marschenstadt darstellte, sondern auch den Altersdurchschnitt maßgeblich anhob. Ausschlaggebend hierfür waren vor allem die vielen pensionierten Landwirte, die ihren Lebensabend in Wilster verbrachten.

 

Mit nur 9% wies der Anteil der „selbständig Berufslosen“ in den umliegenden Amtsbezirken Wilsters deshalb einen entsprechend kleinen Wert aus. Auch sonst unterschied sich die sozio-ökonomische Zusammensetzung der Landgemeinden entscheidend von der Wilsters. Als signifikantes Merkmal ist der überaus hohe Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung zu nennen, der 1933 noch 63,4% der 3536 Personen zählenden Gesamtbevölkerung der Amts-bezirke Äbtissinwisch, Landrecht und Nortorf ausmachte. Demgegenüber waren die übrigen Wirtschaftsabteilungen schwach ausgeprägt. Industrie und Handwerk: ca. 21%, Handel und Verkehr: ca. 7%, öffentl. Dienst und private Dienstleistungen: ca. 3%.

Relativ groß war die Gruppe der Arbeiter, die ca. 36 % der Gesamtbevölkerung umfaßte und etwa zur Hälfte in der Landwirtschaft tätig war. Den größten Anteil an Arbeitern (ca. 48% der Bevölkerung) hatte die Gemeinde Nortorf mit der schon erwähnten „Vereinsstraße“. Beamte und Angestellte mit zusammen ca. 3% spielten hingegen nur eine untergeordnete Rolle. Der Anteil der Selbständigen in der Marsch mit ihren mithelfenden Familienangehörigen lag mit über 50% noch einmal deutlich höher als der schon auf hohem Niveau befindliche Wert Wilsters von 25%. Diese hohe Quote kam vor allem durch die Masse der selbständig geführ-ten landwirtschaftlichen Betriebe zustande. Im Folgenden soll nun untersucht werden, wie die Landwirtschaft ökonomisch aufgegliedert war.

 

Tabelle 3: Landwirtschaftliche Betriebsgrößen 1925[17]

 

0,5 – 2 ha

2 – 20 ha

20 – 100 ha

über 100 ha

Gesamt

Amt Äbtissinwisch

31

160

59

1

251

Amt Landrecht

0

10

24

1

35

Amt Nortorf

4

57

83

0

144

Wilster-Stadt

5

19

9

1

34

Wilster-Region gesamt

40

246

175

3

464

 

Die 2479 von der Landwirtschaft abhängigen Personen bezogen ihr Einkommen aus 464 (1925) vornehmlich mittelbäuerlichen Betrieben mit einer Größe zwischen 2 und 100 ha, wobei das fast vollständige Fehlen der Großbetriebe über 100 ha den Schluß nahelegt, daß sich die Mehrzahl der Höfe der Betriebsgröße zwischen 20-100 ha eher in der Nähe von 20 ha denn in der von 100 ha befanden.[18] Die Betriebe der Wilstermarsch besaßen damit eine Größe, die es den Bauern in vielen Fällen erlaubte, im Notfall ohne zusätzliche Arbeitskräfte auszukommen. Dies galt vor allem für die klein- und mittelbäuerliche Mast- und Milchwirtschaft, die in der Wilstermarsch überwiegend betrieben wurde. Viele kleine Meiereien in den einzelnen Gemeinden und die 1927 erfolgte Gründung der Meiereigenos-senschaft Wilster belegen die enorme Bedeutung der Milchwirtschaft in dieser Region. In der Mastwirtschaft lag das Schwergewicht auf Rindern und Schweinen.

 

Tabelle 4: Bevölkerungsentwicklung 1890-1939[19]

 

1875

1890

1895

1900

1910

1919

1925

1933

1939

Wilster

2370

2716

5171

5124

4424

4280

4182

4154

3943

Wilster-Land[20]

4550

4925

3510

4000

3924

3860

3602

3536

3447

Wilster-Region gesamt

6920

7641

8681

9124

8348

8140

7784

7690

7390

Itzehoe

9776

12481

16200

15649

20440

19180

20200

21530

23570

Kreis Steinburg

60495

67439

72838

78836

83108

68934

81422

81853

82999

 

Wie Tabelle 4 ausweist, hatten Wilster und seine umliegenden Gemeinden um die Jahr-hundertwende ein Bevölkerungsmaximum erreicht. Danach setzte durch Landflucht und dem Zusammenbruch der Lederindustrie eine Abwanderbewegung ein. Zwischen 1900 und 1933 verlor das Untersuchungsgebiet gegen den Kreistrend 15,7% (Stadt: 18,9%; Landgemeinden: 11,6%) seiner Bevölkerung.

 

Bei der Betrachtung der Konfessionen ergab sich für Wilster wie für ganz Schleswig-Holstein eine starke Dominanz des protestantischen Bekenntnisses. Laut Volkszählung des Jahres 1925 lebten in Wilster 4119 Bürger evangelischen und 19 katholischen Glaubens. 44 Personen gehörten keiner oder einer anderen Glaubensrichtung an. Bürger jüdischen Glaubens gab es nicht. Für die Landgemeinden der Wilstermarsch ergab sich ein fast identisches Bild. Außer 5 Bürgern katholischen Bekenntnisses und 5 Personen mit keiner Glaubensrichtung gehörten alle dem evangelischen Bekenntnis an. Bürger jüdischen Glaubens gab es auch hier nicht.[21]




[1] Zur Bedeutung von Handel und Schiffahrt in Wilster siehe M. Koch: Schiffahrt, Hafen und Handel in Wilster, in: Heimatverband für den Kreis Steinburg (Hrsg.): Steinburger Jahrbuch 1983, S. 173ff.

[2] Zur Industrialisierung Wilsters siehe: H.-P. Wessel: Von der Gerberei zur Lederfabrikation, in: Heimatverband für den Kreis Steinburg (Hrsg.): Steinburger Jahrbuch 1988, S. 116-131; M. Koch: Wilsters Weg ins Industriezeitalter, in: Heimatverband für den Kreis Steinburg (Hrsg.): Steinburger Jahrbuch 1988, S. 101-115.

[3] Zur Umgemeindung der Arbeiterviertel siehe: M.O. Niendorf: Nortorf in der Wilstermarsch (Chronik), herausgegeben von der Gemeinde Nortorf, Glückstadt 1992, S. 62ff.

[4] Siehe auch Tabelle 4.

[5] M.O. Niendorf: Nortorf in der Wilstermarsch, 1992, S. 156ff.

[6] M. Koch: Wilsters Weg ins Industriezeitalter, 1988, S. 109.

[7] Schreiben des Gewerbeaufsichtsamts vom 17.03.1921, in: LAS 309 / 10750; W.C. Bröcker: Die Industrie, in: Kreis-ausschuß der Heimatbuch-Kommission (Hrsg.): Heimatbuch des Kreises Steinburg, Bd. 1, Glückstadt 1925, S. 222.

[8] Ebenda.

[9] LAS 320 Steinburg/191.

[10] Statistik des Deutschen Reiches, Bd. 559, Heft 7. Es sei an dieser Stelle noch einmal erwähnt, daß es sich bei dieser Auflistung nicht um die Erwerbstätigen, also den potentiellen politischen Akteuren handelte, sondern um die Erwerbstätigen nebst Familienmitglieder (vom Säugling bis zum Greis) ohne Hauptberuf. Die angegebenen Größenordnungen dürfen also nur als Richtwerte für die Ermittlung der sozio-ökonomischen Situation in Wilster verstanden werden.

[11] Adreßbuch für den Kreis Steinburg 1930/31, StKrA Iz.

[12] Die Firma Ballin arbeitete Mitte der dreißiger Jahre gar nicht mehr und auch Falk und Schütt hatte die Belegschaft wieder drastisch reduziert; LAS 320 Steinburg / 191.

[13] Vgl. ebenda und Adreßbuch für den Kreis Steinburg 1926, StKrA Iz.

[14] Statistik des Deutschen Reiches, Bd. 559, Heft 7 (1939); Statistik des Deutschen Reiches, Bd. 455.

[15] Verwaltungsbericht der Stadt Wilster für 1933, Akte „Verwaltungsberichte 1933-1951“, StA Wi.

[16] Zu der Gruppe der „selbständig Berufslosen“ gehörten insbesondere Rentenempfänger, Pensionäre und Altenteiler.

[17] Kreisstatistik der landwirtschaftlichen Betriebe 1925, in: LAS 320 Steinburg / 2557. Die landrätliche Aufstellung gibt allerdings keine Gewähr für Richtigkeit.

[18] Diese Vermutung stützt auch die Vergleichstabelle aus dem Jahr 1937, die eine etwas differenziertere Einteilung vornimmt und 77,5% der landwirtschaftlichen Betriebe einer Größe zwischen 5 und 50 ha zuweist; vgl. R. Poppendieck: Die Kremper- und Wilstermarsch, ihre Wirtschaftsform und landschaftliche Erscheinung, Hamburg 1939, S. 90.

[19] Die Bevölkerung der Gemeinden in Schleswig-Holstein 1867-1970 (Hisorisches Gemeindeverzeichnis), Statistisches Landesamt Schleswig-Holstein (Hrsg.), Kiel 1972, S. 192ff.

[20] „Wilster-Land“ beinhaltet die Gemeinden der Ämter Äbtissinwisch, Landrecht und Nortorf.

[21] Gemeindelexikon für den Freistaat Preußen. Bd. IX: Provinz Schleswig-Holstein, 1930, S. 48ff.








 

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